Seit dem ersten Mai-Wochenende geistern Meldungen durch die Medien (z.B. bei welt.de (siehe P.S.unten)), nach denen ein neuer Internet-Wurm names Sasser pauschal alle mit dem Internet verbundene Rechner befallen kann. Dies hätte ein finnischer Experte bestätigt…
Stehen die etwa auf Provisionslisten von Antiviren-Herstellern?
Oder hatte nur ein Praktikant mit Posting-Rechten Feiertags-Strafdienst ?!
Ich bin ja sehr für Aufklärung und etwas gesunde Paranoia (weswegen ich
seit Jahren und mit Erfolg keine Windowssysteme mehr in zentralen Systemen verwende), aber
die Meldung von welt.de passt eher in ein Verschwörungsforum als auf
das Portal einer Online-Redaktion, die sonst noch um Seriosität bemüht
scheint.
Es erinnert schon an das Strickmuster der Fakes mit Lachgarantie: "Der
Softwareeindringling wird Ihre Festplatte unbrauchbar machen, Ihre
Telefonanlage mit der NSA verbinden, den Schonwaschgang Ihres
Waschautomaten mit 90° programmieren, einen Scheidungsantrag per PDF an
Ihre Frau senden und die Fische Ihres Aquariums kochen, wenn Sie nicht
innerhalb von 30 Minuten den Betrag von 1.000 EUR auf folgendes Konto
überweisen…"
Erstens haben sich Würmer schon immer ohne E-Mail verbreitet (warum wohl heissen sie Würmer und nicht Viren?)
Zweitens könnten solche Schädlinge nie all die verschiedenen Systeme befallen, sondern bestenfalls (unter Ausnutzung eines der bekannten TCP/IP-Designfehler) lahmlegen - und das auch nur theoretisch.
Drittens sind solche Schädlinge von
Menschen produziert. Damit sind diese genauso fehlerhaft und begrenzt
wie ‘gute’ Software. Die Rafinesse und Schlagkraft von biologischen
Schädlingen können sie nie erreichen.
Viertens nutzt der Wurm wieder einmal "nur" eine erst
jüngst bekannt gewordene Sicherheitslücke im Windows-System von W2K/XP
aus (Stichwort: Local Security Authority Subsystem Service). Damit ist
nicht jeder Rechner betroffen, der mit dem Internet verbunden
ist, sondern nur diejenigen, die mit dem Rundherum-Sorglos-Paket aus
Redmond arbeiten und zudem direkt mit dem Internet
verbunden sind und nicht über gesonderte Router, welche über eine
entsprechend konfigurierte FW und/oder Application-Proxys verfügen.
Fünftens sind eh schon -zig (wenn nicht Hunderte) Millionen
Rechner mit Viren und Spy-/Malware versüfft, so dass die Infektion mit
dem neuen Superwurm fast schon eine "Sack-Reis-in
China-umgefallen"-Meldung wert ist. Zumal er bislang keine wirkliche
Schadensroutine beherbergt.
Richtig ist eher, dass es durch die Windows-Monokultur riesige
Sicherheitsprobleme gibt in Verbindung mit der jahrelang gezüchteten
Rundum-Sorglos-1-2-3-Mausschubs-Erfolgs-Mentalität, die jeglichem
Sicherheitsdenken entgegensteht. In anderen Systeme exisiteren
mindestens genauso viele Lücken, welche aber keine Monokultur
darstellen und damit für Viren/Würmer (noch) nicht attraktiv sind.
Nach deren reuhmütigem, aber zweifelhaften Bekenntnis zu dem Thema
Sicherheit wird der nächste Schnellschuss von MS (die angekündigte
Firewall in WinXP SP2) - selbst wenn er technisch gut realisiert sein
sollte - für ein weiteres Desaster sorgen: Wenn nach dem Update nichts
mehr Richtung Internet geht (weil die FW erst einmal alles verbietet
und erst mit der Sicherheitspolicy des Anwenders bekannt gemacht werden
muss), werden die Anwender schimpfen und genervt auf den Button "FW
aus" klicken. Und dann ist Polen wirklich offen.
Wirklich bange ist mir erst, wenn -
wieder Programmierer auftauchen, die in der Lage sind, polymorphe Viren/Würmer von dem
Niveau zu produzieren, die wir aus den frühen 90ern kennen - in
Assembler geschrieben, binärkompatibel zu verschiedenen
Hardware-Klassen und mit echten Schadensroutinen. Inzwischen ist unserere IT-Welt insgesamt aber so komplex geworden, dass dies immer unwahrscheinlicher wird.
-
die Schaltstellen des Internet (die Hochleistungsrouter der
Backbone-Betreiber) Ziel konzertierter Attacken werden und über längere
Zeit ausfallen oder anfangen zu phantasieren.
-
TC (Trusted Computing) soweit vorangeschritten ist, dass der
Anwender keine Kontrolle mehr über seinen Rechner hat, sondern
diejenigen, die Zertifikate für Hardwarebausteine, Softwareanwendungen
und Inhalte erstellen und zurückziehen können. Der Windows-Mediaplayer
gibt den Ansatz eines Vorgeschmacks - man lese dessen Lizenzbedingunen
- insbesondere die Rechte, die man Dritten bei dessen Einsatz einräumt.
Aber - falls der welt.de-Artikel doch Recht haben sollte: Schnell noch
einen Gruß ins weite Netz, solange wir uns noch lesen können!  P.S.: Zur Ehrenrettung der Online-Redaktionen sei angemerkt, dass die meisten Meldungen inzwischen inhaltlich korrigiert und entschärft wurden…
P.P.S: Sachlich fundierte und weitgehend unabhängige Berichte zu dem Thema können Sie z.B. bei Golem oder Heise bzw. Heise Security oder dem BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie) lesen… |